
Milliarden an Liquidationen: Was ist passiert?
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- Finanzen
Am Freitag, dem 10. Oktober, ereignete sich eine der schwersten systemischen Krisen in der Geschichte von Krypto, als auf Donald Trumps Ankündigung eines 100%igen Zolls auf chinesische Importe eine Liquidationswelle von 19 Milliarden US-Dollar folgte. Bitcoin fiel im Zeitraum vom 10. bis 11. Oktober auf einen Tiefstwert von 104.782,88 US-Dollar und damit um mehr als 14 % gegenüber seinem Freitagshoch von 122.574,46 US-Dollar. Unterdessen fiel Ether um 12,2 % auf 3.436,29 US-Dollar. Kleinere Token traf es am stärksten: Cosmos’ nativer Token ATOM beispielsweise brach auf Binance kurzzeitig von 4 auf 0,001 US-Dollar ein.
Dies war keine gewöhnliche Korrektur. Das Ereignis war neunmal so groß wie der Crash im Februar 2025 und 19-mal so groß wie sowohl der Zusammenbruch im März 2020 als auch der FTX-Kollaps im November 2022.
Wie ist es passiert? Die Mechanik einer Liquidationskaskade
Hebelhandel verstärkt sowohl Gewinne als auch Verluste auf Kryptomärkten. Wenn Anleger mit geliehenem Kapital handeln, wird der Wert ihres hinterlegten Sicherheitenvermögens entscheidend: Sobald die Preise zu fallen beginnen, verschärfen Portfolioeinschusszahlungen und Cross-Coin-Besicherung die Margenanforderungen und lösen automatische Verkäufe aus. Was als einzelner Schock beginnt, verwandelt sich schnell in eine Kettenreaktion – eine Liquidationskaskade.
Die Abfolge verläuft typischerweise wie folgt: Ein anfänglicher Schock löst panikartige Verkäufe aus, wodurch gehebelte Trader näher an ihre Liquidationsschwellen rücken. Während der Margendruck steigt, beginnen Exchanges mit der zwangsweisen Schließung von Positionen, um Insolvenzen zu verhindern, was den Ausverkauf weiter intensiviert. Liquidity-Anbieter und Market Maker ziehen sich zurück, Spreadausweitungen entstehen, und Order Books werden leerer und leerer. Jeder Zwangsverkauf löst den nächsten aus und erzeugt einen sich selbst verstärkenden Zyklus kaskadierender Liquidationen. Schließlich, wenn die meisten Positionen aus dem Markt gespült wurden, treten opportunistische Käufer zu massiven Abschlägen auf den Plan und formen einen dramatischen Aufschwungsdocht – das visuelle Erkennungsmerkmal von Kapitulation und Umkehr.
Worin lag die Heftigkeit des Oktober-Crashs?
Das Ausmaß des Einbruchs vom 10.–11. Oktober lässt sich durch das Verhalten der Market Maker erklären. Laut dem Analyseunternehmen Coinwatch reduzierten große Liquidity-Anbieter ihr Risiko drastisch und zogen ihre Liquidity vollständig ab, wodurch die Order Books gefährlich dünn wurden. In diesem Vakuum waren die Exchanges gezwungen, ihre automatischen Liquidationssysteme (ADL) zu aktivieren, um solvent zu bleiben.
Wenn eine Position eines Traders unter die Wartungsmarge fällt, liquidieren Exchanges automatisch über das Order Book. Wenn der Ausführungspreis über dem Bankrottniveau liegt, gehen überschüssige Mittel in den Versicherungsfonds; doch wenn diese Reserven erschöpft sind, fangen Exchanges an, andere Teilnehmer zu liquidieren – sogar profitable –, um systemische Verluste zu verhindern. Diese Fonds dienen als Puffer gegen Forderungsausfälle unter illiquiden Bedingungen. So aktivierte Hyperliquid beispielsweise sein ADL-System für Short-Positionen während des Crashs – und zwar effektiv, denn das Markttief konnte abgefangen werden. Eine andere Exchange, Lighter, musste hingegen nicht aktivieren, da ihre Versicherungsreserven ausreichten.
Technische Belastung verschärfte das Chaos
Als Liquidity verschwand, geriet die Infrastruktur ins Wanken. Zentralisierte und dezentralisierte Exchanges meldeten API-Ausfälle, Verzögerungsspitzen, gestoppte Einzahlungen und vollständige Ausfälle. Binance verwies auf „Systeme unter hoher Belastung“ und „zeitweilige Verzögerungen“, Lighter räumte zwischen 22:30 Uhr und 3:00 Uhr EST einen „schwerwiegenden Ausfall“ ein. dYdX war fast acht Stunden offline. Unter den großen Plattformen schien nur Hyperliquid eine stabile Performance aufrechtzuerhalten – einer der wenigen Felsen in der Brandung.
Der Entkopplungs-Dominoeffekt
Mehrere Wrapped- und synthetische Vermögenswerte verloren auf Binance ebenfalls ihre Kopplung, darunter USDe, BNSOL (ein Solana-Wrapper auf der BNB Chain) und WBETH (ein Wrapped-ETH-Derivat). USDe, ein Stablecoin, der die Parität zum US-Dollar halten soll, fiel auf 0,65 US-Dollar. Binance bestätigte, dass seine Preisgestaltung auf internen Spotmärkten statt auf externen Orakeln beruhte, was ein Zeitfenster für Arbitrageausnutzung eröffnete. Trader warfen diese Vermögenswerte in hohen Volumina auf den Markt, drückten deren Preise nach unten und lösten weitere Liquidationen aus, da sie weitverbreitet als Sicherheiten genutzt wurden.
Bemerkenswert ist, dass dieser Fehlpreisvorfall der Zollankündigung Trumps vorausging, die kurz nach der Eröffnung einer großen Short-Position auf Hyperliquid kam – was Spekulationen über einen koordinierten Angriff anheizte. Bis jetzt sind solche Behauptungen jedoch unbestätigte Gerüchte.
Fazit: Eine übermäßige Hebelwirkung endet immer gleich
Der Vorfall zeigt einen Markt, der durch exzessive Hebelwirkung bis zum Zerreißen gespannt war. Wie Charlie Munger einmal sagte: „Schlaue Männer gehen auf drei Arten pleite – durch Alkohol, Frauen und die Hebelwirkung.“ (Im O-Ton: „liquor, ladies and leverage“.) Ein einziger Funke reichte aus, um erzwungene Abwicklungen über Milliarden an offenen Positionen zu entzünden. Liquidationskaskaden sind Liquidity-Krisen, keine fundamentalen Neubewertungen, und anlagenübergreifende Besicherung verstärkt ihre Heftigkeit nur weiter. Daten von Amberdata zeigen, dass das offene Interesse über Futures-Märkte hinweg in weniger als einem Tag von 175 Milliarden auf 125 Milliarden US-Dollar einbrach.
Die offiziell gemeldeten 19 Milliarden US-Dollar an Liquidationen sind wahrscheinlich zu niedrig angesetzt: Die tatsächlichen Verluste könnten 50 Milliarden US-Dollar übersteigen.
Veröffentlicht amOkt 20th, 2025