
Der Zusammenbruch von BitRiver und die Entstehung einer russischen Krypto-Ordnung
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BitRiver war Russlands größter Krypto-Miner – mit einem Gründer mit Stanford-Abschluss und Kunden auf der ganzen Welt. Dann schalteten sich die Oligarchen und die Steuerbehörden ein.
Innerhalb weniger Jahre haben die westlichen Sanktionen infolge des Ukraine-Kriegs dazu geführt, dass Krypto nicht mehr nur ein Randphänomen der russischen Wirtschaft, sondern in ihr Zentrum gerückt ist. Krypto hat dem Kreml die Möglichkeit eröffnet, Energieerlöse weiter fließen zu lassen, außerhalb des Dollar-Systems Handel abzuwickeln und eine parallele Finanzarchitektur aufzubauen, auf die der Westen nur begrenzten Zugriff hat. Es ist noch zu früh, um beurteilen zu können, ob die russische Kryptoindustrie eine Vermögensumverteilung1 ähnlich jener erleben wird, die gerade in der breiteren russischen Wirtschaft stattfindet. Klar ist jedoch, dass die Branche zu strategisch bedeutend geworden ist, um sie unabhängigen Marktteilnehmern zu überlassen.
Das Schicksal von BitRiver – bis vor Kurzem das größte Krypto-Mining-Unternehmen des Landes – liefert einen Einblick in diese Entwicklung. Als ich 2019 erstmals BitRivers geschäftige Server-Farm am Stadtrand des sibirischen Bratsk besuchte, füllten die lautstark laufenden ASIC-Maschinen2 des wachsenden Krypto-Mining-Unternehmens bereits Hunderte Regale und arbeiteten für Investoren aus Russland, den USA, Japan, Brasilien, Litauen, Indien, Polen und China.
BitRiver verfügte über eine internationale Kundschaft, mächtige Partner und befand sich auf Augenhöhe mit Regulierungsbehörden sowie Gesetzgebern. Nach einigen Schätzungen entfielen bis zu 50 % des gesamten Krypto-Minings in Russland auf das Unternehmen. Der junge Gründer Igor Runets verfügte 2024 über ein geschätztes Vermögen von rund 230 Millionen US-Dollar.3
Heute geben die Server keinen Ton mehr von sich. Das Unternehmen wird von den USA sanktioniert, hat Konkurs angemeldet, und der 39-jährige Runets, Stanford-Absolvent, steht unter Hausarrest; ein Strafverfahren zeichnet sich ab. Auch wenn sich der Niedergang von BitRiver auf reale geschäftliche und rechtliche Probleme zurückführen lässt, signalisiert er zugleich etwas Größeres: das Ende der Ära russischer Krypto-Unabhängigkeit.
Das entspricht einem bekannten Muster im postsowjetischen Russland – ein unabhängiger Akteur wird verdrängt, während Staat und staatsnahe Unternehmen die Kontrolle über einen zuvor vernachlässigten Sektor übernehmen.
Das Yukos des Minings?
Das markanteste historische Beispiel hierfür ist Yukos: Der Ölkonzern wurde 2003–2004 über ein gezieltes Steuerverfahren zerschlagen und seine Vermögenswerte vom staatlich kontrollierten Rosneft übernommen. Der CEO Mikhail Chodorkowski verbrachte ein Jahrzehnt im Gefängnis. Unlängst vollzog auch Yandex – Russlands dominierende Technologieplattform, häufig als „Russlands Google“ bezeichnet4 – nach jahrelangem Druck des Kremls eine Umstrukturierung. Dabei wurde der russische Geschäftsbetrieb an ein Konsortium staatsnaher Investoren verkauft.
BitRiver hatte sein Geschäft in strategischer Partnerschaft mit En+ aufgebaut, einem Energiekonzern mit tiefen Verbindungen zum russischen Staat. Eigentümer der Gruppe ist Oleg Deripaska, einer der ursprünglichen postsowjetischen Oligarchen Russlands, der aus dem sogenannten „Aluminiumkrieg“ der 1990er-Jahre um die Kontrolle des Sektors als Gewinner hervorging.5 Durchgesickerte US-Diplomaten-Depeschen aus dem Jahr 2006 beschrieben Deripaska als „einen der zwei oder drei Oligarchen, an die sich Putin regelmäßig wendet“.6
2025 wandte sich En+ gegen seinen bisherigen Partner. En+ und seine Tochtergesellschaft Infrastruktura Sibiri reichten mehrere Klagen gegen BitRiver und dessen Tochterunternehmen wegen Vertragsverletzungen und unbezahlter Stromrechnungen ein – und gewannen. BitRiver wurde praktisch in die Insolvenz gedrängt, nachdem Infrastruktura Sibiri dessen Behauptung zurückgewiesen hatte, es hätte eingefrorene Vermögenswerte zur Schuldentilgung eingesetzt.
Auch eine Tochtergesellschaft des russischen Industrieriesen Nornickel verklagte BitRiver wegen offener Stromforderungen. Nornickel wird von Vladimir Potanin geführt – ebenfalls ein Oligarch mit langjährigen und engen Beziehungen zu Putin.
Die Geldprobleme von BitRiver waren teilweise auch Folge neuer Regelungen für Krypto-Mining, die Russland 2024 mit einem neuen Gesetz zur Regulierung der Branche eingeführt hatte. Im Dezember 2024 untersagte oder beschränkte die Regierung Krypto-Mining in einigen Regionen massiv. Eine von BitRiver errichtete 100-Megawatt-Anlage in Burjatien, einer südsibirischen Region an der Grenze zur Mongolei, wurde nie in Betrieb genommen, wodurch die Investition zu einem irreversiblen Verlust wurde.
Anschließend stand BitRiver vor einem weiteren Problem: Die Steuerbehörden stellten fest, dass Kunden des Unternehmens Krypto-Mining zur Steuerhinterziehung nutzten. Dies zog Ermittlungen gegen BitRiver nach sich, welche wiederum dazu führten, dass Runets unter Hausarrest gestellt wurde. Momentan wird er selbst wegen Steuerhinterziehung angeklagt.
Experten zufolge war das Muster der Steuerhinterziehung bei BitRiver kein Einzelfall: Vor der Verabschiedung des diesbezüglichen Gesetzes Ende 2024 operierte die Branche in einer Grauzone, und nicht alle Beteiligten folgten den neuen Vorschriften nach Inkrafttreten umgehend.
BitRiver habe wegen seines Status als größter und bekanntester Miner Probleme bekommen; aber es werde nicht das letzte Unternehmen bleiben, sagt Alexander Kalmykov, ehemaliger Leiter der Blockchain-Initiativen beim staatlichen Öl- und Gasunternehmen Gazprom Neft und heutiger Leiter der Beratungsgesellschaft Gas Energy Mining.
„Ich bin sicher, dass es nicht nur bei BitRiver bleiben wird. Das Gesetz wird jetzt durchgesetzt, und die Steuerbehörden prüfen sehr genau, wer was getan hat“, sagt Kalmykov.
Denis Slabakov, der in New York wohnhafte Leiter der New Mining Company, die zuvor in Russland tätig war, beobachtet denselben Trend.
„Momentan werden überall Fragen gestellt. Alle, mit denen ich spreche, haben ein gesteigertes Interesse [der Steuerbehörden] bemerkt“, sagte er.
Die aktuellen Stromeinschränkungen in Russlands Mining-Regionen verschärfen den Druck zusätzlich. Sie haben Miner aus Regionen mit den günstigsten Strompreisen verdrängt und erhöhen dadurch die Durchschnittskosten für den wichtigsten Faktor ihrer Geschäfte. Weil sich kaum noch jemand Netzstrom leisten könne, würden in Zukunft nur noch Akteure mit eigenen Energiequellen bestehen können, sagt Kalmykov. In der Praxis bedeutet das vor allem Öl- und Gasunternehmen – in Russland betreiben die größten von ihnen bereits alle ihr eigenes Mining auf Gasbasis. „Stromerzeugung mit Erdgas ist bei den aktuellen Energiepreisen die einzige rentable Option“, so Kalmykov.
Michael Jerlis, Gründer und CEO des Hongkonger Mining-Unternehmens EMCD, stimmt zu, dass die Einschränkungen eine Konzentration staatsnaher Akteure fördern. „Es entstehen neue große institutionelle Akteure: Öl- und Gasunternehmen, und selbst Banken sollen bereits über Mining-Kapazitäten verfügen“, sagte Jerlis. „Das ASIC-Hosting-Geschäft stirbt“, ergänzte er mit der Anmerkung, dass kleinere Miner aus dem Markt gedrängt würden.
Die neuen Regulierungen in Verbindung mit höheren Energiekosten dürften zu einer Konsolidierung der Mining-Macht in den Händen großer institutioneller Akteure führen, was unabhängige Gründer weiter belastet.
Vom Randphänomen zur kritischen Infrastruktur
Seit 2024 geht Russland systematisch dazu über, den Sektor unter staatliche Kontrolle zu bringen. Das Land verabschiedete Mining-Gesetze, die eine Registrierung bei Bundesbehörden sowie die Besteuerung von Minern vorschreiben.7 Krypto wurde unter Aufsicht der Zentralbank für grenzüberschreitenden Handel legalisiert.8 Die großen Energie- und Finanzunternehmen in Staatshand haben das Signal verstanden. Gazprom hat eine eigene Mining-Tochtergesellschaft gegründet und Berichten zufolge 500 Millionen US-Dollar dafür bereitgestellt.9 Auch die Kernenergiefirma Rosatom, der Aluminiumproduzent Rusal und weitere mit dem Staat verbundene Institutionen nutzen Mining inzwischen als zusätzliche Einnahmequelle.
Im ersten Halbjahr 2025 wickelte Russland laut Boris Titov, Putins Sonderbeauftragtem für die Beziehungen zu internationalen Organisationen, Kryptoexporte und -importe im Wert von mehr als 12,5 Milliarden US-Dollar ab10. Russlands gesamter Außenhandelsumsatz belief sich 2025 auf 697 Milliarden US-Dollar.11
Die Regierung unterstützte A7A5 – einen durch den Rubel gesicherten digitalen Token, der gemeinsam vom russischen Unternehmen A7, dem kirgisischen Unternehmen Old Vector und der russischen PromStroyBank aufgelegt wurde und speziell für grenzüberschreitende Transaktionen außerhalb des westlichen Finanzsystems strukturiert ist.
Obwohl die USA den Coin im August 2025 sanktionierten, wuchs er schnell an und erreichte laut Oleg Ogienko, Director for Regulatory and Overseas Affairs bei A7A5, eine Marktkapitalisierung von über 535 Millionen US-Dollar und verarbeitete zwischen Februar 2025 und Februar 2026 ein gesamtes Transaktionsvolumen von 100 Milliarden US-Dollar.
Der neue Kryptogesetzentwurf, der im April im nationalen Parlament vorgestellt wurde, sieht vor, dass Kryptowährungen weiterhin als Vermögenswerte gelten, die gekauft und verkauft werden können, jedoch nicht als gesetzliches Zahlungsmittel. Nicht qualifizierte Anleger dürfen danach über lizenzierte Broker jährlich nur begrenzte Mengen der „liquidesten“ Kryptos erwerben. Zudem legalisiert und reguliert der Gesetzentwurf Kryptozahlungen in Export- und Importvorgängen vollständig.
Das neue Gesetz, dessen Verabschiedung und Unterzeichnung noch bis zum Sommer erwartet wird, werde kleineren Kryptounternehmen das Überleben erschweren, meint Yuriy Brisov, ein in Europa ansässiger Partner der russischen Kanzlei Digital & Analog Partners.
Kryptobörsen müssten dann eine lokale Lizenz erwerben, die nach Einschätzung von Brisov nur große russische Banken und traditionelle Exchanges erhalten können. Diese Plattformen würden allerdings vom globalen Markt abgeschnitten, da jeder offiziellen russischen Kryptobörse Sanktionen drohen. Die Branche werde zwar legalisiert, allerdings auch „vollständig eingefroren“, sagt Brisov.
„Das ist ein bewusst gewählter Ansatz“, erklärt er. „Die Politik der Zentralbank orientiert sich nicht an Marktanforderungen, sondern an den Interessen des Staates, der wiederum erkannt hat, dass sich Krypto zur Umgehung von Sanktionen einsetzen lässt – deshalb muss er die Branche unter seine eigene Kontrolle bringen.“
Die politische Beteiligung am russischen Krypto-Mining-Sektor hat sich in den vergangenen Jahren deutlich ausgeweitet. So erwarb beispielsweise 2023 das Unternehmen des ehemaligen Kommunikationsministers Nikolay Nikiforov ein Kraftwerk mit dem Ziel, in dessen Nähe eine Mining-Anlage zu eröffnen.12
Die unabhängigen Nachrichtenseiten Verstka und Novaya Gazeta Europe, die von russischen Journalisten im Exil verfasst werden, fanden heraus, dass indirekte Verbindungen zwischen zahlreichen Mining-Unternehmen in Russland und Parlamentsmitgliedern sowie ehemaligen Amtsträgern bestehen. Dazu zählen Verwandte der russischen Parlamentsmitglieder Andrey Lugovoy und Valery Seleznev sowie Personen aus dem Umfeld eines Freundes von Putin, des Bankers Yury Kovalchuk.13 14
Der russische Staat selbst könnte bald zu einem bedeutenden Kryptoinhaber werden: Neue Änderungen des Strafrechts, die Putin im Februar dieses Jahres unterzeichnete, ermöglichen im Rahmen von Strafverfahren neben der Beschlagnahmung anderen Eigentums auch diejenige von Krypto.15
Während die Kryptoregulierung bevorsteht, ist die Bank Rossii gerade dabei, den digitalen Rubel zu entwickeln, dessen Einführung für September vorgesehen ist.16 Gleichzeitig hat das Finanzministerium eine Roadmap zur Tokenization realer Vermögenswerte hervorgebracht, die das Investieren in russische Vermögenswerte erleichtern soll.17
Die Richtung des Kremls ist eindeutig: Die Kryptoindustrie wird inzwischen als strategische nationale Infrastruktur behandelt. Die Frage lautet: Wer darf sie künftig aufbauen und an ihr verdienen?
Anna Baydakova
1Burkhardt, Fabian, et al. 2026. From Original Sin to War Expropriation: Asset Redistribution in Russia. Cedar, Januar 2026
2ASIC: spezialisierter Chip für Krypto-Mining
3Bloomberg News. 2024. „Stanford Grad Igor Runets Builds Fortune as Putin Reverses Crypto Stance.“ 27. September 2024.
4Oi, Mariko. 2024. „Yandex: Owner of 'Russia's Google' pulls out of home country.“ BBC News, 5. Februar 2024.
5Harding, Luke. 2008. „Oleg Deripaska: The Rise of the Russian Oligarch.“ The Guardian, 22. Oktober 2008.
6Kheel, Rebecca. 2018. „Five Things to Know About Oleg Deripaska.“ The Hill, 10. April 2018.
7Singh, Amitoj. 2024. „Russia Legalizes Crypto Mining and Brings an Experimental Regime.“ CoinDesk, 30 Juli 2024.
8Grigera Naón, Camila. 2025. „Russia Is Creating a Legal System for Crypto to Avoid Western Sanctions.“ BeInCrypto, 21. Oktober 2025.
9Ustinova, Anna. 2024. „Gazprom Will Build a Large Data Center in Veliky Novgorod.“ Vedomosti, 9. September 2024. (Artikel auf Russisch)
10Alekseevskikh, Anastasiya. 2025. „Crypto Has Been Compared to Gold in Russia.“ Gazeta.ru, 25. September 2025. (Artikel auf Russisch)
11Kommersant. 2026. „Exports in 2025 Fell Alongside Imports.“ Kommersant, 11. Februar 2026. (Artikel auf Russisch)
12CNews. 2026. „Ex–Russian Communications Minister Is Buying Power Plants for Cryptocurrency Mining.“ CNews, 5. Januar 2026. (Artikel auf Russisch)
13Verstka. 2023. „Who Are Russian Industrial Crypto Mining Companies Connected To?“ Verstka, 11. October 2023. (Artikel auf Russisch)
14Basmanov, Alexey. 2025. „Crypto for the Chosen: Who Russia’s Largest Mining Companies Are Connected To.“ Novaya Gazeta Europe, 26. September 2025. (Artikel auf Russisch)
15Basmanov, Alexey. 2025. „Crypto for the Chosen: Who Russia’s Largest Mining Companies Are Connected To.“ Novaya Gazeta Europe, 26. September 2025. (Artikel auf Russisch)
16Bank Rossii. 2026. „Digital Ruble.“ Bank Rossii, aufgerufen am 21. April 2026. (Artikel auf Russisch)
17Bank Rossii. 2026. „Digital Ruble.“ Bank Rossii, aufgerufen am 21. April 2026. (Artikel auf Russisch)
Veröffentlicht amJuli 17th, 2026